/dev/private Neues aus dem privaten Hinterzimmer

29Mai/140

Panik

Jetzt sitze ich hier und schiebe eine Panikattacke nach der nächsten. Oder besser: Ich besiege eine Panikattacke nach der nächsten. Zum Glück. Denn seit meiner aller ersten vor einigen Jahren habe ich sofort gelernt, wie ich eine aufkommende Attacke erkenne und richtig reagieren um sie zu besiegen bevor es eine "richtige" ist. Und es ist beeindruckend wie gut ich das hinbekomme.

In 7 1/2 Tagen werde ich im Operationsraum liegen und meine lang ersehnte geschlechtsangleichende Operation haben. Endlich. Na klar, wer hat schon nicht vor einer OP Angst oder zumindest Respekt? Das habe ich in den letzten Tagen oft genug gehört. Aber das ist es nicht. Vor der OP selber habe ich keine Angst. Respekt eigentlich auch nicht wirklich. Zumindest noch nicht Mag sein, dass sich das kurz vorher noch ändert. Wenn einige davon sprechen, dass sie Angst davor haben, dass sie bei der OP sterben, ist es sicher nicht so, dass ich sie nicht verstehe, aber ich teile diese Angst nicht. Mag sein, dass das egoistisch klingt, aber wieso sollte ich davor Angst haben? Ich bekomme davon ja dann nichts mehr mit. Höchstens vor Komplikationen habe ich Angst, aber irgendwie auch nicht vor diesen selber sondern mehr davor, dass der Krankenhausaufenthalt sich dadurch verlängern könnte. Aber dazu gleich mehr.

Seit ich mich mir selbst gegenüber als transsexuell geoutet habe, habe ich immer gesagt, dass ich die Entscheidung, ob ich die OP mache oder nicht, solange abwarte, bis ich diese überhaupt machen kann und mich genug informiert habe. Anfang dieses Jahres war es so weit. Ich hatte alle notwenigen Dinge zusammen, die Mindestzeit (2 Jahre in Psychotherapeutischer Behandlung) waren rum, ich hatte ein gutes ausführliches Gespräch mit dem OP-Arzt. Ich habe mich entschieden. Ich mache die OP. Nachdem die Beantragung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse sich immer länger hinzog (woran die Krankenkasse keine Schuld trug. Zum größten Teil war es einfach Pech, wie z.B. Urlaub des Arztes), hatte ich dann endlich die Zusage und es hätte los gehen könne. Allerdings gab es noch eine Verwirrung und die Frage, ob es ein Missverständnis gibt, was nicht geklärt werden konnte, da der OP-Arzt gerade im Urlaub war. Als dieser wieder da war und es dann mal mit der Kommunikation klappte (Chefarzt zu erreichen ist auch nicht gerade einfach), ging plötzlich alles ganz schnell. So habe ich selber erst vor 4 Wochen den Termin bekommen.

Eigentlich ein sehr schönes Gefühl. Hey, ich habe einen OP-Termin und ich muss nicht lange warten (was natürlich hauptsächlich dem Fakt zu verdanken ist, dass ich mich rechtzeitig darum gekümmert habe und bereits vor einem Jahr das Vorgespräch hatte und entsprechend schon länger auf der Warteliste stehe). Aber so richtig wollte sich keine Freude einstellen. Zu viel Stress hatte ich in den letzten 4 Wochen. Wenn man weiß, dass man ab einem bestimmten Datum für mindestens 2 Wochen ins Krankenhaus muss und für ca. 6 Wochen nicht arbeiten kann, weil man nicht nennenswert sitzen kann, sind 4 Wochen verdammt wenig Zeit als Vorbereitungszeit. Sei es auf der Arbeit, aber auch zu Hause. Dinge fürs Krankenhaus kaufen (Miederhosen, Vibratoren, ...), einiges an Vorrat besorgen, damit man danach keine anstrengenden Einkäufe erledigen muss.

Jetzt habe ich Urlaub. Eine Woche vor der Op habe ich mit "gegönnt". Sicher, hauptsächlich um letzte Dinge zu erledigen. Und eigentlich um zum CSD Düsseldorf zu fahren. Letzteres habe ich aber abgesagt, zu hoch ist mir das Risiko krank zu werden. Und krank bin ich dank des Wettersturzes gerade eh schon geworden. Zum Glück nichts schlimmes. Nach 2 Tagen strenge Bettruhe, Tee und Inhalation bin ich morgen wohl schon wieder fit.

Aber jetzt ist sie plötzlich da, die Zeit zu realisieren, dass es nur noch eine Woche ist. Zu dem Termin, das viele als "Zweite Geburt" bezeichnen. Auch wenn ich nicht ganz so weit gehen würde, werde ich aber ein Kuscheltier mitnehmen. Einen Affen. Diesen habe ich zu meiner Geburt geschenkt bekommen und begleitet mich seitdem im meinem Leben. Und auch wenn er aktuell gut verstaut in einer Box liegt, da er im Laufe der Zeit doch etwas ramponiert ist, so soll er mich doch bei dieser OP begleiten.

Vor dieser mir so wichtigen OP. Vor der ich jetzt richtig muffesausen habe.

Auch wenn ich mir absolut sicher bin, dass ich diese OP will, schiebt der Kopf plötzlich Panik davor, ob die Entscheidung wirklich richtig ist. Ich glaube ich habe mich auch noch nie in meinem Leben so "männlich" gefühlt. Vielleicht liegt es daran, dass ich seit 4 Wochen auch keine Hormone mehr nehmen darf (Thromboserisiko), was ich wahrscheinlich dank des Stresses der letzten Wochen bisher noch nicht so wahrgenommen habe und mich jetzt wie ein Schlag trifft. Vielleicht ist es aber auch einfach psychisch. Natürlich ist die OP ein schwerwiegender Eingriff. Natürlich wird danach vieles anders sein. Aber so als absurdeste Panik ist die Panik davor, wie der Geschlechtsverkehr danach denn funktionieren soll. Für mich als lesbische Frau. Für mich als Person, die sich gerade bei Geschlechtsverkehr nie in der "Rolle" wohlgefühlt hat. Aber diese Angst kommt immer und immer wieder hoch. Sicher wird sie auch noch dadurch angekurbelt, dass es im Internet kaum Berichte über die Sexualität nach der OP gibt. Allgemein gibt es zu dem Thema erstaunlich wenig zu lesen, bei den vielen Operationen, die jedes Jahr stattfinden. Aber vielleicht bin ich da auch einfach mal wieder viel offener als die durchschnittliche Transsexuelle. Unterm Strich sorgt aber genau dies wieder zu einer Verstärkung der Angst.

Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel sehe, finde ich mich krass männlich. Das hatte ich vor wenigen Tagen noch nicht. Und es passt so gar nicht zu den Situationen der letzten Tage, wo ich von anderen gesagt bekommen habe, dass sie überrascht sind, wie deutlich weibliche Strukturen ich bereits bekommen habe. Sicher ist das subjektiv schwer festzustellen, aber es ist doch absurd.

Zusätzlich hasse ich Krankenhausaufenthalte. Nicht wegen dem Krankenhaus selber. Ich meine, angenehm ist das sicher nicht. Gerade wenn ich an die ersten Tage denke, wo ich ausschließlich auf dem Rücken liegen darf und wegen jedem Scheiß auf andere angewiesen sein werde. Sicher, auch davor habe ich ein wenig Angst. Aber Angst habe ich viel mehr von den anderen Patienten auf dem Zimmer.

Ich leide an Pavor Nocturnus. Keine Ahnung seit wann, aber schon sehr lange. Gefühlt schon immer. Es handelt sich dabei quasi um nächtliche Panikattacken. Bei Erwachsenen eher selten anzutreffen, aber ich habe es nunmal. Abgesehen von der Problematik, dass ich bei einer Attacke möglicherweise in der Panik das Bett verlasse, was gerade in den ersten Nächten eher suboptimal wäre, schließlich hat es einen Grund, warum ich auf dem Rücken liegen muss, abgesehen von möglichen Schläuchen, ist meine Hauptangst seit Jahren, dass andere davon mitbekommen. Es ist noch nicht so lange her, dass ich richtige Panikattacken bekommen habe, allein bei dem Gedanken, dass ich mit einer anderen Person in einem Zimmer schlafen muss. Heute ist das zum Glück anders. Es gibt eine, wenn auch kleine, Anzahl Menschen, die sogar im gleichen Bett schlafen dürfen, ohne dass ich Angst habe. Aber bei fremden Menschen bleibt diese Angst. Und gerade jetzt in solchen aufregenden und psychisch stressigen Zeiten kommt dann auch gleich wieder die Panik. Insbesondere da ich weiß, dass in solchen Zeiten die Wahrscheinlichkeit eines Pavors auch gleich noch viel höher ist.

Auch wenn meine nächtlichen Attacken viel viel kleiner sind als zu meines "Bestzeiten" und es bisher auch nur zwei Menschen gab, die ein wirkliches Problem mit dem Pavor hatten, bleibt diese Panik. Zumal eine dieser Personen, die mir auch noch relativ nah stand, regelrechten Terror geschoben hat.

An dieser Stelle möchte ich aufhören zu schreiben. Ich bin wieder deutlich ruhiger. Und falls jemand bis hierhin durchgehalten hat: Sorry für mögliche Fehler im Text. Ich möchte diesen Artikel ausnahmsweise nicht querlesen (Seit ich in der queeren Szene unterwegs bin, finde ich jede Mal, dass das Wort "quer" falsch aussieht...).

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veröffentlicht unter: geheim Kommentar schreiben