/dev/private Neues aus dem privaten Hinterzimmer

27Jan/146

LSBTIQ: Über Schubladen und Definitionen

Reden wir mal Klartext! Um Unklarheiten in diesem Text zu vermeiden, verwende ich folgende Begriffe:

  • Geschlecht: Geschlecht im Allgemeinen oder undefiniert welches gemeint ist
  • Sex: Das biologische bzw. äußere Geschlecht
  • Gender: Das soziale bzw. gefühlte Geschlecht
  • Geschlechtsverkehr: Da "Sex" bereits belegt ist und ich Doppelbedeutungen vermeiden möchte: jegliche Tätigkeiten, die man als Sex/Geschlechtsverkehr/etc. deuten kann

 

Ja und damit könnte ich jetzt eigentlich schon aufhören zu schreiben, denn der bisherige Text zeigt eigentlich schon das Problem mit Begriffen, mit Schubladen, mit Definitionen.

(Verzeiht mir bitte Fehler im Text, ich habe dieses Mal nicht die Zeit gegenzulesen)

Bevor ich wieder zum Thema komme, erstmal ein wenig zu dem, was mich dazu gebracht hat, diesen Text zu schreiben:

Bei der queer_school mussten wir einen Zeitstrahl erstellen, wo wir die wichtigsten Eckdaten unseres Lebens eintragen sollten. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich in den letzten 5 Jahren immer mal wieder sowohl das Wort für mein Gender gewechselt haben, von "männlich" über "neutral" bis hin zu "weiblich", als auch die für meine sexuelle Orientierung. Heterosexuell, Bisexuell, Pansexuell, Bisexuell, Lesbisch und die letzten beiden immer wieder hin und her.

Da ich sowohl über die Transberatung als auch über SchLAu immer mal wieder über mein Leben vor meinem inneren Coming-Out spreche, habe ich einige Male darüber nachgedacht, wie ich mich da selber bezeichnen soll. Gestern habe ich in einem Gespräch (eigentlich ziemlich spontan) Schüler*in gesagt (was ich damals (tm) in meiner Schulzeit war). Also ausgesprochen mit künstlicher Betonung auf dem I (SchülerIn). Wir fanden, dass das eigentlich ganz gut passt, und hey, das ist das erste Mal, wo ich die Verwendung des Gendergaps (egal in welcher Form) wirklich passend fand.

Allgemein ist die Frage der Selbsteinsortierung recht interessant. Einmal fragte mich jemand, warum ich mich eigentlich so klar weiblich positioniere, wo ich doch gegen das Schubladendenken bin. Die Antwort war klar und ist sie weiterhin: Ich möchte nicht (auf Grund von Begrifflichkeiten / Definitionen) in eine Schublade gesteckt werden, aber wenn ich es selber tue, dann ist dies ok.  Aber: Das funktioniert wiederum nur, wenn man zu dieser Schublade die Definition mitliefert. Und damit sind wir wieder beim Thema.

 

Ich finde Begriffe und Definitionen nicht grundsätzlich verkehrt. Wenn wir in Schulen Aufklärung machen, brauchen wir klare eindeutige Wörter und Definitionen. Die meisten Schüler*innen haben so schon oft genug Probleme alles wirklich zu verstehen. Ich habe kein Problem mich dort in "klare" Schubladen zu stecken ("Ich bin transsexuell und bisexuell" oder "Ich bin transsexuell und lesbisch"). Aber auch in den Workshops führt die Nutzung der klaren Definitionen eigentlich zu Absurditäten. Die Reihenfolge der Begriffe können sich die Schüler*innen meistens bei uns aussuchen. In der Regel sprechen wir aber erst über Begriffe wie "Schwul", "Lesbisch", "Heterosexuell", "Bisexuell" und "Homosexuell" bevor wie zu Transsexualität und Intersexualität kommen, einfach weil die Schüler*innen sich in der Regel erstmal die vermeintlich einfachen bekannten Begriffe raussuchen.

Aber ist es nicht absurd erst etwas von "gleichgeschlechtlich" und "nur auf Personen des anderen Geschlechts" zu sprechen, wenn man dann bei Intersexualität erklärt, dass das Sex doch recht häufig gar nicht feststellbar ist? Und selbst wenn man annimmt, dass der größte Teil der Intersexuellen sich einem Gender zuordnen, was ist mit den anderen? Bei nicht-intersexuellen Personen mit neutralem Gender könnte man die Begriffe ja noch ihr Sex herleiten.

Aber was ist bei einer intersexuellen Person weder mit männlichem noch mit weiblichen Gender?

Schwul und Lesbisch? Können wir gleich streichen. Bei beiden Wörtern braucht man entweder ein eindeutig weibliches oder ein männliches Geschlecht! Oder?

Homosexuell? Homosexualität setzt sich zusammen aus homo für gleich und sexus für Geschlecht, also "gleiches Geschlecht". Sind homosexuelle Intersexuelle also Personen, die nur auf Intersexuelle stehen? Und auf alle oder nur auf die eine Variante der Intersexualität? Immerhin heißt es, dass die Medizin 4000 Geschlechter kennt. Da wird die Auswahl für homosexuelle Intersexuelle aber wirklich klein!

Heterosexuell? Heterosexualität setzt sich wiederum zusammen aus heteros für "ungleich" bzw. "der andere" und sexus für Geschlecht, also "ungleiches Geschlecht" bzw. "das andere Geschlecht". Also sind heterosexuelle Intersexuelle Personen, die auf jegliche Personen stehen, die nicht Intersexuell sind? Ist das nicht quasi Bisexualität?

Apropos: Bisexuell? Die Vorsilbe bi- bedeutet "beide". Hier sind wir natürlich an einem interessanten Punkt. Der Begriff geht davon aus, dass es zwei Geschlechter gibt. Wenn man Intersexuelle nur als "nicht zuordbar" definiert, sind bisexuelle Intersexuelle also Intersexuelle, die wohl auf Frauen als auch Männer stehen, aber nicht auf Intersexuelle (sonst passt das bi- ja nicht). Aber warte, war ich nicht gerade bei Heterosexualität zu dem gleichen Schluss gekommen?

Fehlt noch: Pansexuell? Die Vorsilbe pan- deutetet "alles", "umfassend"  oder "gesamt". Also Personen, die auf jegliche Geschlechtsarten stehen. Oder besser ausgedrückt: Personen, denen das Geschlecht (egal ob Sex oder Gender) der anderen Person egal ist.

 

Nun haben wir ein Problem. Keiner der Begriffe ist von ihrer Definition dafür geeignet, wenn eine genderneutrale intersexuelle Person sagen möchte, dass sie (die Person) nur auf weibliche Personen oder nur auf männliche Personen steht. Und nun?

Stellen wir also fest: Erst erklären wir Schubladen um dann zu zeigen, dass diese Schubladen mindestens unvollständig sind, wenn nicht völlig sinnlos und sinnfrei. Das wird noch klarer, wenn ich die Gruppe Intersexueller nehme, wo die Intersexualität noch gar nicht festgestellt wurde. Was ist eine Cis-Frau (Sex und Gender eindeutig als weiblich feststellbar) die mit einer Person zusammen ist, die vom Sex männlich scheint, die aber intersexuell ist. Kann sie noch heterosexuell sein?

Und überhaupt: Worauf bezieht sich das Wort "Geschlecht" in den ganzen Begriffen? Wenn man die Nähe von "sexus" zu "sex" nimmt, also davon ausgeht, dass immer das Sex der beiden Personen gemeint ist, dann kann ich einerseits auf das bisherige Geschriebene verweisen, andererseits: Wie ist das eigentlich bei Transsexuellen? Mit einem männlichen Sex, kann ich da überhaupt lesbisch sein?

Hier fällt mir auf, dass immer wieder geschmunzelt oder gelacht wird, wenn jemand "schwuler Freund oder lesbische Freundin" sagt und sich verspricht, also entweder "lesbischer Freund" und/oder "schwule Freundin" sagt. Aber widerspricht sich das? Bei der Definition mit sexus gleich sex, wär ein lesbischer Freund ja quasi ein Transmann, der nur auf Frauen steht. Aber würde sich dieser nicht eigentlich als heterosexuell bezeichnen? Oder was ist mit Transvestiten?

Versuchen wir es mit der Variante, dass mit "sexus" das Gender gemeint ist. Nein, lassen wir das. Auch das hatten wir gerade ja. Es führt ebenso zu Absurditäten. Aber was dann?

Die deutsche Sprache unterscheidet nicht zwischen Sex und Gender. Wir kennen nur das Wort Geschlecht. Aber machen die Begriffe es irgendwie einfacher, wenn man von Geschlecht spricht? Irgendwie auch nicht, oder? Ich meine, genderneutrale Intersexuelle gibt es ja weiterhin.

 

Sehr interessant in dieser Fragestellung ist auch immer wieder die Diskussion, was eine Transfrau ist, die mit einem Mann zusammen ist. Einmal vor dem (inneren) Coming-Out, einmal nach diesem aber vor der geschlechtsangleichenden Operation und einmal danach. Und überhaupt, ändert sich dadurch irgendwas? Und ändert sich irgendwas für den oder die Partner*in?

 

Hin und wieder weiche ich darauf aus, dass ich mich als keins dieser Begriffe oute sondern etwas sage wie "ich stehe nur auf  Frauen", aber auch das entspricht letztlich nicht der Wahrheit. Ich mag da nicht grundsätzlich trans*- oder intersexuelle Menschen rausnehmen. Nur auf feminine Personen? Ist vielleicht etwas geschlechtsunabhängiger, aber ernsthaft? Nicht wirklich.

Klar, ich könnte mich als pansexuell bezeichnen. Damit schließe ich niemanden aus, den ich nicht ausschließen möchte. Aber ich habe dadurch eine große Gruppe inkludiert, die ich nicht mit drin haben möchte. Und so zwischendurch: Ich hasse es, wenn ich mich als Trans* rechtfertigen muss, wenn ich mich als bisexuell und nicht aus pansexuell bezeichne. Es ist meine Schublade! Und die bestimme ich ganz alleine!

Zwischenzeitlich habe ich die Definitionskrücke "Ich bin bisexuell und homoromantisch". Aber ich abgesehen davon, dass homoromantisch eigentlich gar nicht so wirklich das ist, was ich meine, mir bisher kein besseres Wort dafür eingefallen ist: Das macht es eigentlich nur noch absurder.

Aber was folgt aus diesem Text? Dass wir keine der Begriffe mehr verwenden sollten? Oder, dass wir neue Begriffe brauchen? Ich denke nicht. Beides nicht. Abgesehen davon, dass es uns als SchLAu die Arbeit deutlich schwerer machen würde, sehe ich eigentlich nur folgendes:

  1. Mehr Bewusstsein für Intersexualität
  2. Sprache wandelt sich. Nicht jedes Wort hat heute noch die gleiche Bedeutung, wie sie mal hatte. So sehr ich die Kritik an dem Wort "Bisexualität" verstehe, wenn man die reine Wortherkunft betrachtet, aber ganz ehrlich: Da haben wir viel absurdere Wörter, mit viel merkwürdigeren Ursprüngen. Ich denke den meisten ist klar, was man mit dem Wort meint. Und für die anderen (insb. jüngeren Menschen) sorgen wir von SchLAu (und viele andere Projekte) ja 😉
  3. Viele Menschen sollten sich überlegen, wie starr sie Schubladen bei sich selber nehmen. Bestes Beispiel dafür ist eine heterosexuelle Person dessen Partner sich als transsexuell outet. Da wird dann aus einer heterosexuellen "normalen" Beziehung eine Gleich-Gender-Beziehung. Aber ändert sich dadurch irgendwas? Sicher ist es für viele erstmal ein Schock und natürlich insbesondere nach der OP ist es auch anders, wenn man jetzt sich jetzt mal sehr auf Geschlechtsverkehr konzentriert, auch wenn die ganzen *sexualitätsbegriffe gar nicht darauf fokusiert sind. Aber wer sich liebt, der liebt sich. Und das zeigt sich auch darin, dass viele Beziehungen solch ein Outing überstehen. Und das ist auch gut so.

 

Auch wenn ich, natürlich, weiterhin gegen Schubladendenken kämpfen werde und daran arbeiten werde, dass Menschen zu dem stehen, was sie sind und was sie fühlen, sollte man aber akzeptieren, dass es Schubladen gibt. Aber wahrscheinlich genau so viele Schubladen wie es Menschen gibt. Und das ist auch gut so.

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veröffentlicht unter: Allgemein Kommentar schreiben
  • tiramisu

    Hm, warum beziehst du die Sache mit sexueller Orientierung erstmal auf Sex? Ich hatte da gleich Gender im Kopf (was die Frage mit binär identifizierten Intersex-Personen einfacher macht, alle nicht binären Menschen aber wieder ausnimmt, und weiters ignoriert, dass dank Cissexismus wohl schon einige Menschen „ich steh auf Frauen“ mit „ich steh auf Vulven“ gleichsetzen, also auch nicht besser ist)…. ah, es ist so kompliziert, aber ich glaub, sehr oft kommt man weiter mit „die Schubladen stammen aus diesem System, das scheiße ist, und im Zweifel gelten Eigendefinitionen, auch, wenn die intuitiv erstmal merkwürdig wirken“

    • dasYuuji

      Verdammt. Ich hatte gehofft, dass die Verwendung der englischen Bezeichnungen (Sex und Gender) es einfacher macht um klarer zu machen, was ich meine. Letztlich will ich ja nur zeigen, was für Probleme sich ergeben, wenn man die Begriffe so nimmt, wie sie ursprünglich mal definiert wurden. Eben: Warum keine lesbischen Männer? Aber eben auch: Was ist mit genderneutralen Intersexuellen. Die eben weder vom Sex noch vom Gender einen der beiden binären Geschlechter zuordbar sind oder zugeordnet werden wollen.

      • http://twitter.com/Radgryd Radgryd

        Manche Menschen brauchen auch einfach keine Label. Und der Anteil der Leute ist dann so klein, dass es für den Rest der Welt (leider) ziemlich unwichtig ist.

        Außerdem; wenn man das Problem von intersexuellen Menschen aus aufrollt, erkennt man schnell, dass die monosexuelle, heteronormative Gesellschaft eigentlich gar keinen Sinn macht.

  • http://twitter.com/Radgryd Radgryd

    „Erst erklären wir Schubladen um dann zu zeigen, dass diese Schubladen
    mindestens unvollständig sind, wenn nicht völlig sinnlos und sinnfrei.“

    Damit ist eigentlich alles gesagt 😛
    Schön verwirrender Text der zum Nachdenken anregt, aber wir wussten das doch auch alle schon, bevor andere cis-hetero Personen anfangen, sich in die Diskussion einzumischen.

    Liebe ist Liebe, und die meisten scheinen halt immer noch nicht zu verstehen, dass ein einziges Körperteil relativ wenig mit der sexuellen Orientierung zu tun hat. Die Gesellschaft tut leider den Rest..

    • dasYuuji

      Schön geschrieben „wir“ „die meisten“ ^^ Aber genau dieses zum Nachdenken, genau das möchte ich mit meinen Texten erreichen. Und ich kenne genug offene Personen, die aber gerade bei der Einsortierung in diese Sexualitätsschubladen noch sehr stark in Schubladen denken 😉

      • http://twitter.com/Radgryd Radgryd

        Ich leider auch :) Aber das ist nicht ihre Schuld.. Gesellschaft und so ^^ Aber deswegen sind solche Blogeinträge wie hier auch wichtig.