/dev/private Neues aus dem privaten Hinterzimmer

19Jan/144

GenSek? Eine SchLAue Entscheidung

Ich befürchte, dieser Blogpost wird etwas länger. Ich war am überlegen, ob ich ein tl;dr einbaue, aber dann würde einfach der Sinn dieses Textes verloren gehen. Ich hoffe einfach, dass sich nicht zu viele von dem langen Text abschrecken lassen und dass ich nicht zu weit aushole 😉

In der vergangenen Woche wurde ich von mehreren Personen gefragt, ob ich nicht für den Vorstand der Braunschweiger Piraten und für den Landesvorstand der Piratenpartei Niedersachsen kandidieren möchte. Insbesondere der mehrfache Wunsch, dass ich als Generalsekretärin kandidieren soll, hat mich doch ehrlich überrascht.

Ein wenig habe ich gedacht, was mache ich eigentlich falsch? Ich meine, seit dem BPT in Bochum habe ich (mal wieder) recht viel provoziert und getrollt. Natürlich, wie bei mir üblich, gezielt, mit Sinn und Verstand. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich damit bei vielen nicht angekommen bin. So zum Beispiel beim LaVo, wo ich das Gefühl hatte, dass zumindest die meisten die Ironie im Text komplett übersehen haben. Umso mehr überraschte mich dann, als Kevin mich versucht hat zu überzeugen doch zu kandidieren. Vielen vielen Dank für dieses Vertrauen!

Abgesehen davon, dass ich das Gefühl habe, dass ich gerade durch solche Aktionen zu umstritten bin um überhaupt eine Chance zu habe, hat mich gerade der Vorschlag für den GenSek-Posten doch sehr überrascht.

Aber ich habe versprochen, dass ich darüber nachdenke. Und es kam mir sehr gelegen, dass ich direkt im Anschluss an den Vorschlag am Donnerstag übers Wochenende unterwegs war und es dort keinen Handyempfang gab. Ich habe zwar dank WLAN doch ein paar wenige Tweets abgeschickt, aber ansonsten habe ich nichts mitbekommen und konnte so etwas Abstand finden und darüber nachdenken.

Zugegeben, richtig viel Zeit war dafür nicht. Ich war auf der Grundqualifizierung für SchLAu Niedersachsen, dem queeren Schulaufklärungsprojekt, von dem ich bereits geschrieben habe (ja, ich habe nicht vergessen, dass ich versprochen habe, darüber noch ausführlicher zu schreiben). Wir haben dort sehr sehr viel gelernt, hatten kaum Freizeit und auch in dieser haben wir sehr viel unternommen. Dazu komme ich gleich nochmal zurück.

Aber an diesem Wochenende habe ich insbesondere auch viel über mein Leben nachgedacht und dieses reflektiert. Es ging zwar weniger darum an sich, sondern mehr darum, wie man den Schüler*innen autobiographisch Queer näher bringt, erstaunlicherweise habe ich dadurch aber viel viel mehr über ich rausfunden als in der Zeit, wo ich Psychologen und Gutachtern meine Lebensgeschichte erzählen musste. Also da, wo das eigentlich die Aufgabe war. An diesem Wochenende ist enorm viel aus meiner Kindheit und Jugend wieder aus den Tiefen des Gehirns zurückgekehrt, was verloren schien.

Entschuldigung, aber jetzt muss ich zum ersten Mal ein wenig ausholen.

Während des Konfirmationsunterrichtes bin ich im Rahmen eines Projektes zur evangelischen Jugend gestoßen. Und auch wenn ich noch nie wirklich viel mit der Kirche zu tun hatte bzw. anfangen konnte, hat es mir dort sehr gut gefallen. Ich habe dort fast 10 Jahre ehrenamtlich mitgeholfen, bis ich umzog. Die Arbeit hat mir damals schon sehr gefallen.

Danach war ich ehrenamtlich eher inaktiv. Ein wenig im CCC, aber nie so wirklich.

Vor fast 5 Jahren bin ich dann zu den Piraten gestoßen. Habe den Osnabrücker Stammtisch aufgebaut und den damaligen Kreisverband mitgegründet und saß dort auch direkt im Vorstand als 1V. Etwa ein Jahr später fand ich zu den Jungen Piraten. Dort wurde ich im Oktober 2010 direkt zur Vorsitzenden des Landesverbandes Niedersachsen gewählt und bin dort seitdem durchgehend im Vorstand. Die meiste Zeit als 1V.

Die gesamte Zeit war ich natürlich auch in der Piratenpartei aktiv, durfte sogar als Direktkandidatin und als Listenkandidatin bei der Landtagswahl antreten. Eine schwierige, aber sehr lebensbereichernde Zeit, zumal es gerade in meiner Coming-Out-Zeit als Transsexuelle war. Aber auch in der Zeit, fühle ich mich bei den Jungen Piraten irgendwie wohler.

Nun ist meine Zeit dort eigentlich schon abgelaufen. Im Juli letzten Jahres wurde ich 28 und bin damit zu alt für die Jugendorganisation. Da ich aber noch 1V bin, musste direkt für mich das System angefasst werden, dass ich nicht automatisch meinen Mitgliedsstatus verliere, sondern erst, wenn meine Amtszeit abläuft.

Dies wird voraussichtlich Ende März soweit sein.

Auch deshalb hatte ich mir durchaus bereits schon überlegt, was danach kommt. Ich muss sagen, vor diesem Zeitpunkt habe ich eigentlich Angst, seitdem ich bei den JuPis bin. Denn so sehr ich die Piraten mag, so wichtig waren die JuPis als Hochzieher in schwierigen Phasen. Und gerade im letzten Jahr, wo ich quasi meine komplette Parteiaktivität eingestellt hatte, waren sie zwischenzeitlich durchaus der einzige Grund, warum ich mich nicht ganz zurückgezogen habe. Dies ist nun vorbei.

Nun liegt die Kandidatur in der Partei als "Folgeamt" nah. Wobei ich hier mal einwerfen muss, dass es mir nicht um Ämter geht, ich mag sie nicht, aber irgendwer muss den Job machen, und da ich selten Nein sagen kann... Auch ohne den Vorschlag meiner Person hatte ich darüber durchaus vorher schon mehrfach nachgedacht, eine wirkliche Auseinandersetzung damit aber immer wieder verschoben.

Nachdem ich nach dem BPT in Bremen wieder aktiver wurde, kam diese Möglichkeit für mich durchaus wieder, ich sage mal, realistischer vor. Ich habe in dem Jahr Pause einige Kraft getankt. Ich habe wohlgemerkt nicht auf Grund der Piraten pausiert, sondern weil ich eine private Auszeit brauchte. Einerseits um mein Privatleben nach dem Landtagswahlkampf wieder zu ordnen, andererseits weil ich mit Hormontherapie, Vornamens- und Personenstandsänderung und allgemeiner Identitäts- und Sexualitätsfindung durchaus gut zu tun hatte.

Nun muss ich ein ganz klein wenig zurückspringen.

Im Oktober letzten Jahres war ich zum ersten Mal beim Treffen von SchLAu Braunschweig. Ich wollte da schon lange mal hin, aber der Termin war fast immer am selben Tag wie die Vorstandssitzung der JuPis Niedersachsen... Hinzu kommt, dass die Schulbesuche natürlich quasi immer während meiner Arbeitszeit sind und ich dies erst einmal mit meinem Arbeitgeber absprechen musste.

Ziemlich schnell wurde ich "ins kalte Wasser" geworfen und Stand zum ersten Mal vor einer Schulklasse. Es war wundervoll. Sämtliche Ängste haben sich nicht bestätigt. Es hat super Spaß gemacht. Man hat gesehen, dass man was erreicht hat. Und: Es gab ein herzliches Dankeschön am Ende.

Die SchLAu-freie Zeit über die Feiertage waren dann eigentlich viel zu lang. Mir fehlte es da bereits schon.

Dann kam dieses Wochenende. Die besagte Grundqualifizierung. Was soll ich sagen. Das Wochenende war der absolute Hammer. Wir hatten eine geile Gruppe, eine geile Orga, es war einfach toll. Ich habe selten erlebt, dass es in einer zufällig zusammenkommende Gruppe (neue Teamer aus ganz Niedersachsen) nicht eine*n Aussenseiter*in gab! Ich habe lange nicht mehr so viel gelacht, wie an diesem Wochenende. Ich habe neue tolle Freundschaften geschlossen. Und bei der Verabschiedung wollte niemand so wirklich gehen. Und als dann doch die Abschiedsumarmungen los gingen, zeigte sich wieder, wie grandios unsere Gruppe war: Sofort erfand jemand eine neue Methodik, forderte alle auf sich in eine Reihe zu stellen, die Orga schaute verwirrt, wurde aufgefordert sich mit in die Reihe zu stellen und es gab eine grandiose Verabschiedungsrunde. Diese Gruppe ist toller und um ein vielfaches motivierter als ich die Piraten 2009 kennengelernt habe. Und das war schon grandios damals!

Kennt ihr das, wenn ein Wochenende so wahnsinnig toll war, dass man danach einen totalen emotionalen Absturz hat? Man ist total glücklich, aber zugleich total traurig, dass es vorbei ist. Dass man nach Hause muss. So erging es mir auf der Rückfahrt.

Ich habe an diesem Wochenende viel über mich selber gelernt, mein Leben wieder einmal reflektiert, damit aber viel mehr rausgefunden, als je zuvor.

Und ich habe eine Entscheidung getroffen: Das ist das was ich machen will. Das ist das worauf ich mich konzentrieren möchte. Ich habe eine SchLAue Entscheidung getroffen.

Ich werde weder für den SV noch für den LaVo kandidieren. Ich werde meine Aufgaben als 1V der Jungen Piraten und die letzten Aufgaben bei den Piraten noch zu Ende führen und mich dann auf SchLAu konzentrieren.

Auch wenn dies jetzt wie ein Abschied klingt, ich bleibe Pirat, auch Mitglied 😉 Aber meine Prioritäten liegen nun wo anders. Ich bin SchLAu. Und ich denke, das ist auch gut so.

Danke Piraten für eine wundervolle Zeit. Vielen Dank Junge Piraten für eine eigentlich noch tollere Zeit. Aber nun ist es Zeit, bei euch das Feld zu räumen und den Jüngeren ihre Chance zu geben. Ich werde sicher weiterhin immer mal wieder bei Stammtischen, Parteitagen und Co. auftauchen, aber ich werde Nein sagen. Nein zu neuen Aufgaben.

Um Zeit für ein wundervolles Projekt zu haben: Herzlich Willkommen SchLAu!

Und jetzt ist der Punkt definitiv erreicht, wo ich aufhören sollte zu schreiben, denn ich muss zugeben, dass ich die Tränen kaum noch zurückhalten kann.

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veröffentlicht unter: Piraten, SchLAu Kommentar schreiben
  • Bernhard

    Herzlichen Glückwunsch für Deine schlaue Entscheidung und Dein wundervolles Projekt! Vielen Menschen wird Dein scharfer Verstand und Deine Empathie Verstehen bringen – danke, dass Du dich dieser Aufgabe stellst.

    Auf zu neuen Ufern!

    Sonnige Grüße,
    Bernhard

  • Chris Dietrich

    Viel Freude bei der Aufgabe! Schade, dass meine Kids noch zu jung für eine SchLAu-Stunde sind – vielleicht dürfen sie in ein paar Jahren in den Genuss kommen.

    • dasYuuji

      ab der 6. Klasse :) IMO aber besser 7. :)

      • Chris Dietrich

        Kind 1 ist in der 2. Klasse, Kind 2 kommt erst im Sommer zur Schule. Ich behelfe mir damit, ihnen beim Fernsehen zu sagen, welche Darsteller schwul oder lesbisch sind, sofern das bekannt ist. Mein Sohn hat ein Faible für Dr. Sheldon Cooper, da passt das. Und das Bilderbuch „König und König“ kam prima an!