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Feminismus – Das Jehova-Wort

Hallo. Mein Name ist Mia Sophie Möller, ich bin 28 Jahre alt und eine Frau. In meinem Geburtsregister steht seit Kurzem, dass ich am 10. Juli 2013 per Gericht meinen Namen in "Mia Sophie" und meinen Personenstand von "männlich" in "weiblich" geändert lassen habe.

Was das mit Feminismus zu tun hat? Feminismus ist eine Bewegung, die für die Gleichberechtigung von Frauen und gegen Sexismus, also der Diskriminierung auf Grund des Geschlechts, kämpft.

Mit dem ersten Absatz werde ich Hass und Abscheu bei einigen Mitmenschen hervorrufen. Etliche, die Personen wie mich diskriminieren, wenn sie eben dieses wissen. Diskriminierung auf Grund des Äußeren, des Auftretens, des Geschlechts. Gerade als Transfrau hat man hier Probleme, da das Tragen von "weiblicher Kleidung" als ""Mann"" nicht akzeptiert ist.

Vor einigen Tagen habe ich auf einer Mailingliste einen Link zu einem Artikel vom Focus geschickt. In diesem geht es um eine Allensbach-Studie zum Thema Gleichberechtigung. Kurz zusammengefasst kann man eigentlich sagen, dass ein Großteil der Männer vom Thema genervt ist und der Meinung ist, dass genug Gleichberechtigung herrscht. Auf der anderen Seite wird aber festgestellt, dass sich eigentlich kaum etwas geändert hat, insbesondere was die "typische" Rollenverteilung im Haushalt angeht. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch andere Studien. Insbesondere die stärker werdenden Stereotypen in den letzten Jahren fällen dabei immer wieder auf.

Wie (leider) zu erwarten war, gab es auf meine E-Mail teils heftige Reaktionen seitens einiger Männer. Von relativ einfachem Faktenbashing bis hin zu Nazivergleichen (Godwin-Punkte mussten gleich mehrfach vergeben werden *seufz*). Und natürlich sind mal wieder alle Feministen radikale Femen.

Und selbstverständlich kamen auch wieder die Argumente, dass Feminismus doch falsch sei und das einzig Wahre wäre doch für Humanismus zu kämpfen.

 

Natürlich sollte das Ziel eine Gleichberechtigung aller Menschen sein und Diskriminierung, egal in welcher Form, sollte bekämpfen werden. Aber woher kommt diese Heftigkeit der Reaktionen auf Feminismus? Klar, es gibt immer Menschen, die es übertreiben, natürlich auch im Feminismus. Und davon habe ich auch einige kennengelernt. Aber diese hat man in allen Bewegungen und von einzelnen auf alle zu schließen... nun ja.

Kommen wir zurück zum Thema Transsexualität. Wie bereits geschrieben geht es auch hier um Gleichberechtigung und gegen Sexismus. Als es bei mir meinem inneren Outing los ging, besuchte ich auch bald die Trans*Lions, den Trans*-Stammtisch hier in Braunschweig. Zuerst war ich dort "nur Gast". Mittlerweile bin ich im Orgateam, stehe anderen Trans*-Menschen für Fragen und Beratung zur Verfügung. Ich kenne viele Geschichten und Leiden. Natürlich oftmals psychischer Natur, aber leider auch viel Sexismus.

Ich bin in dem Bereich aktiv und kämpfe um eben diese Rechte. Die Rechte von Trans*-Menschen. Und gegen Diskriminierung dieser. Sei es bei der Beratung über den Stammtisch, übers Internet oder auf der Straße. Sei es politisch innerhalb der Partei, im Wahlkampf oder auf den jährlichen CSDs.

Und gerade der CSD ist hier doch ein schönes Beispiel. Hier findet man nicht eine Bewegung, nicht eine Gruppe, oder mehrere Gruppen, die für das selbe Thema kämpfen, sondern ganz viele Gruppen mit unterschiedlichsten Themen. Sei es die schwul-lesbische Jugendgruppe, die für die Rechte und gegen Diskriminierung von homosexuellen Jugendlichen kämpft, oder der Völklinger Kreis e.V., der Bundesverband schwuler Führungskräfte, der ja letztlich für das gleiche kämpft nur in einer anderen "Zielgruppe". Aber eben nicht nur homosexuelle Gruppen, sondern auch Trans*-Gruppen, BDSM-Gruppen und so weiter.

Sie alle haben ihr Thema, für das sie kämpfen, aber sie alle vereint etwas, wofür man zusammen auf die Straße geht und gemeinsam demonstriert. Das Kampf für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung, Phobien und Sexismus. Sie haben eine Gemeinsamkeit, kämpfen aber letztlich mehr oder weniger hauptsächlich für ihr Thema.

Und das mache ich auch. Natürlich unterstütze ich auch die Forderungen "der anderen". Aber ich bin als Transfrau betroffen von den Problemen von Trans*-Menschen. Und viel wichtiger: In diesem Bereich kenne ich mich aus. Ich mache es selber durch. Muss mich im Alltag jeden Tag damit befassen. Ich kenne den Wahnsinn durchs Gesundheits- und Rechtssystem. Das ist mein "Fachgebiet" und dieses decke ich ab, natürlich unter einem gemeinsamen Dach mit den  anderen (hier bei uns zum großen Teil auch vereint durch den VSE e.V. und dem Onkel Emma).

Dies bedeutet nicht, dass ich die Rechte der anderen nicht anerkenne oder gar gegen diese kämpfe. Für den Kampf gegen Diskriminierung und für die Rechte einer Gruppe gehört auch, dass man die Probleme eben dieser Gruppe kennt um effektiv in diesem Bereich arbeiten zu können.

 

Ich als Transfrau bin in der "glücklichen" Lage "beide" Seiten zu kennen. Ich habe lange genug als "Mann" gelebt, zumindest wurde ich so wahrgenommen und auch entsprechend behandelt. Und auch wenn ich noch lange nicht so lange als Frau unterwegs bin, finde ich es teilweise schon gravierend, wie oft ich seitdem anders behandelt werde. Die Art der Diskriminierung ist eine andere und häufig tut sie einfach nur weh und ist zum Kopfschütteln.

Und wenn ich sage, dass ich für die Rechte von Frauen kämpfe, bedeutet das nicht, dass ich gegen die Rechte von Männern arbeite. Ebenso wie die Benachteiligungen von Männern (in anderen Bereichen) vorhanden ist und natürlich ebenso abzulehnen ist. Aber genauso bedeutet es nicht, dass man als Feministin zwangsweise für die gesetzliche Frauenquote ist.

Und ich bin ehrlich, erst diese widerwertigen Reaktionen einiger Männer auf das Thema Feminismus haben mich dazu gebracht, mich mit dem Thema zu beschäftigen und mich (zumindest teilweise) als Feministin zu bezeichnen.

In diesem Sinne: Für die Gleichberechtigung aller, gegen Diskriminierung jeglicher Art. Und gegen alle, die gegen Menschen vorgehen, die für eben dieses kämpfen.

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veröffentlicht unter: Allgemein Kommentar schreiben
  • Christian D.

    „Klar, es gibt immer Menschen, die es übertreiben, natürlich auch im Feminismus.“

    Das Dumme dabei ist, dass genau diese Menschen in der Öffentlichkeit viel stärker auffallen, als gemäßigte Naturen. Natürlich spreche auch ich mich gegen Diskriminierung aus und für Gleichberechtigung. Eine Grenze wird für mich aber dort überschritten, wo diskriminierte Gruppen Rechte fordern, die sie gegenüber dem „Rest der Welt“ besser stellen sollen. Beispiel: „Beschneidungsgesetz“. Auch hier wurde die (vermeintliche?) Diskriminierung der einen Gruppe durch die Diskriminierung einer anderen Gruppe ersetzt. Und das kanns nicht sein.

    Solange aber der Mensch an sich stets nach „höher, schneller, weiter“ strebt, wird sich daran auch nichts ändern, da dabei auch immer ein gewisses Maß an „ich bin desser als du/wir sind besser als ihr“ mitschwingt.

    Können wir uns nicht einfach ALLE so akzeptieren, wie wir sind und wenn nicht, uns einfach nur aus dem Weg gehen, statt gegen einander zu arbeiten?

  • Name

    > selbstverständlich kamen auch wieder die Argumente, dass Feminismus doch falsch sei und das einzig Wahre wäre doch für Humanismus zu kämpfen

    Argumente sind toll. Und dann auch noch für den Humanismus? Doppelt toll.

  • Andreas

    Hey Mia Sophie,

    was mich unendlich an der Diskussion nervt: Jeder hat ein Geschlecht. Manche wechseln es auch. Das ist ja alles gut und schön. Diejenigen, die am heftigsten ihre wertlose Zeit in Mailschreiben investieren, fühlen sich benachteiligt. Jeder hat das Recht, die gefühlte Benachteiligung auf das Geschlecht zurückzuführen. Daher kommen wir mit dem Wort Diskriminierung nicht weiter. Blogartikel hin oder her.

    • Mia Sophie Möller

      Ist es eine „gefühlte Benachteiligung“, wenn beim Einlass für ein Konzert allein anhand des Geschlechts entschieden wird, welche Art von Kontrollen gemacht werden? Nur eins von vielen Beispielen.

      • Andreas

        Ja Mia Sophie, die Benachteiligung ist gefühlt. Wenn Du Türsteher fragst, wirst Du hören, dass das Geschlecht eine große Rolle spielt, wenn es um die Frage von Auseinandersetzungen geht. Das ist auch nur eines von vielen Beispielen. Übrigens: Mehr oder weniger gute Vergleiche und Beispiele sind auch so ein Problem.

        • Mia Sophie Möller

          Und woran wird die Unterscheidung gemacht? Nicht nach dem Geschlecht nach Perso (abgesehen davon, dass dort das Geschlecht nicht steht). Zu dem Zeitpunkt war ich offiziell noch ein Mann. Oder anders gesagt: Ich habe die andere Variante der Einlasskontrolle dadurch erworben, dass ich einen Rock an hatte und geschminkt war.

          Und ist es auch nur gefühlt, dass ich jetzt als Frau teilweise nicht mehr ernst genommen werden, wo ich vorher als Mann es noch wurde? Wie gesagt, ich kenne jetzt beide Seiten.

    • dasYuuji

      Ist es eine “gefühlte Benachteiligung”, wenn beim Einlass für ein Konzert allein anhand des Geschlechts entschieden wird, welche Art von Kontrollen gemacht werden? Nur eins von vielen Beispielen.